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Wie alles begann

Von Jenny-Mai Nuyen

Ich habe den Augenblick, in dem ich beschloss, Bücher zu schreiben, so oft in Gedanken heraufbeschworen, dass ich ihn heute fast wie einem Film sehe.

Da sitzt ein Mädchen in ihrem Bett, es ist spät nachts. Draußen kratzen Zweige an der Hauswand, wie Federn auf Papier hört es sich an. Die schnurrende Lampe auf dem Nachtschränkchen ist schon lange nicht mehr intakt und wirft zitterndes Licht in den Raum. Das Mädchen ist von Wällen aus Büchern umgeben, die sich rings um das Bett auftürmen. Die meisten sind voller Knicke und Krümel und, hie und da, einer heimlich vergossenen Träne. Stunden stecken in diesen Büchern. Träume.
Das Mädchen zieht die Papierknoten fest, die in die Haare eingedreht sind - erst viel später wird sie zur Einsicht kommen, dass Schweinslöckchen nicht jedem stehen -, schlüpft aus dem Bett und kramt ein Notizbuch und einen Stift hervor. Sie will sich einen Roman ausdenken. Jetzt sofort. Es soll ein Roman voller Wunder und Magie und Abenteuer sein, ein Roman zum Hoffen, Fürchten und Dahinschmelzen. Übrigens auch ein Roman zum Kaufen, denn er soll veröffentlicht werden. Und zwar schnell, sofort. Noch bevor sie vierzehn wird.
Ihr Geburtstag ist in sechs Monaten.

Wie sagenhaft mein Größenwahn wirklich ist und wie aussichtslos der Plan, als Teenager ein Buch zu veröffentlichen, war mir in jener Oktobernacht ebenso unbewusst wie die Tatsache, dass ich vom Schreiben keinen Schimmer hatte. Im Nachhinein denke ich, dass ich gerade meiner Ahnungslosigkeit alles verdanke; hätte ich gewusst, wie viele andere junge Menschen schreiben, wie viel zum professionellen Geschichtenerzählen dazugehört und was für ein langer, schwieriger Weg noch vor mir lag, hätte ich nie den Mut gefunden, anzufangen.

Erst vor kurzem hatte ich das Lesen für mich entdeckt. Seit knapp einem Jahr zeigte ich mich gerne mit dicken Schmökern unterm Arm und durchforstete Büchereien und Bibliotheken nach gedruckten Abenteuern. Die Blicke der Leute, wenn ich über den Rand von Lolita und Les Miserables spähte, gefielen mir mindestens so gut wie die Lektüren selbst. Dass Stolz eine große Treibkraft hinter all meinen Mühen war, möchte ich gar nicht bestreiten.

Ich malte mir aus, wie ich meinen Eltern einen Roman vorlegte - zusammen mit einem Scheck, versteht sich. Zu dieser Zeit ging es uns finanziell nicht gut, und ich träumte davon, die Geldsorgen meiner Familie zu lösen (auch von der geschäftlichen Natur des Schreibens hatte ich damals also keine Ahnung, denn ein Autor kann von Glück reden, wenn er genug verdient, um nicht hauptberuflich kellnern zu müssen).Am Morgen, nachdem ich mir die Geschichte meines ersten Romans ausgedacht hatte, machte ich mich an die Arbeit. Nach etwa einem Monat hatte ich herausgefunden, wie man Großbuchstaben tippt und einen Absatz macht. Was ein Verlag ist, hatte ich noch nicht ganz begriffen. Aber ich nahm mir vor, Schritt für Schritt vorzugehen: Wenn ich erst mein Buch fertig hätte, würde sich der Rest von allein ergeben.

Ich erzählte niemandem, dass ich schrieb. Einerseits, weil ich fürchtete, mich lächerlich zu machen - und in einem bestimmten Alter ist nichts schlimmer als Lächerlichkeit -, andererseits, weil ich nie wusste, ob ich plötzlich die Lust verlieren und aufhören würde. Langsam mehrten sich die Seiten. Irgendwann waren es dreißig, dann sechzig. Hundert. Dreihundert. Jetzt wusste ich, dass ich zu weit gekommen war, um aufzugeben. Was auch immer noch geschehen mochte - ein Zurück gab es nicht.

Das Gefühl, wenn der allererste Roman fertig vor einem liegt, ist nicht zu beschreiben. Dieses Gefühl kommt nie wieder so heftig. Es ist Entsetzen und Freude, Ehrfurcht, Glück und Angst. Vor allem Angst. Weil man sich nach sechs Monaten in einer anderen Welt wieder der realen widmen muss - und nun der Zeitpunkt gekommen ist, herauszufinden, wie aus der Geschichte ein Buch wird.

Meine Eltern und Bekannten haben mit Literatur nichts zu tun, ich war also auf mich allein gestellt. Im Internet las ich mir zusammen, was ein Verlag tut und wie man sich bewirbt (mehr Tipps für Autoren im Blog). Also schickte ich meine Geschichte an alle Verlage, deren Adressen ich ausfindig machen konnte. Jetzt dürfte eigentlich nichts mehr schiefgehen, dachte ich.

Dachte ich.

In den nächsten drei Monaten kam für jedes verschickte Manuskript eine Absage zurück. Manche Verlage teilten mir mit, dass sie keine Belletristik verlegen, ganz zu schweigen von Jugendliteratur. Dadurch erfuhr ich, dass Verlage sich überhaupt auf verschiedene Genre spezialisieren und nicht quer Beet drucken. Andere Absagen begründeten sich darauf, dass Bücher von Jugendlichen nicht reif genug seien und überdies nicht gekauft würden. Die meisten Absagen aber blieben erklärungslos.

Ich überdachte meine Geschichte und kam zu dem Schluss, dass sie kindisch, langatmig und ungelenk sei. Was blieb also zu tun? Eine neue, bessere schreiben!

Der Übergang vom ersten zum zweiten Buch war sehr schwierig. Wenn das Schreiben von nun an ein fester Bestandteil meines Lebens werden würde, änderte das alles - ich würde überdenken müssen, wer ich war und sein wollte. Mit vierzehn ist das eine große Sache.

Meinen zweiten Roman schickte ich an keine Verlage. Ich war mir einfach nicht mehr sicher, ob er gut genug war. Bevor ich ihn beendet hatte, kam mir die Idee zu einem neuen Buch, und die Idee gefiel mir so gut, dass ich beschloss, sie umzusetzen und erst dann, mit drei fertigen Manuskripten, wieder einen Verlag anzusprechen.

Zu dieser Zeit erfuhr ich, dass es Literaturagenturen gibt, die sich speziell darum kümmern, Autoren und Verleger zusammenzubringen. Wieder machte ich mich im Internet schlau und bewarb mich bei einer sehr großen Agentur in München.

Ich war gerade fünfzehn geworden, als die Agentur sich bei mir meldete - und mehr von mir lesen wollte! Ich schwebte wie auf Wolken. Nach eineinhalb Jahren harter Arbeit, so glaubte ich, war ich am Ziel.

Allerdings sollte es noch dauern. Ein ganzes Jahr arbeitete ich mit der Agentur zusammen, schrieb meine Bücher um, schrieb neue, schrieb, schrieb. Im Nachhinein blicke ich erschöpft auf dieses Jahr zurück, aber ich habe in den ruhelosen Monaten des Bangens und Hoffens mehr gelernt denn je. Als sich unsere Wege trennten, heulte ich einen Nachmittag lang Rotz und Wasser, meine Träume waren geplatzt wie große, dumme Kaugummiblasen.

Am gleichen Nachmittag suchte ich im Internet neue Agenturen. Wieder bewarb ich mich bei einem Agenten in München - und bekam prompt eine Einladung. Nach der Schule fuhr ich zu seinem Büro. Es regnete in Strömen. Als ich mich an den Glastisch seines kleinen, schmucken Arbeitszimmers setzte, tropfte ich alles voll. Auch den Vertrag, den er mir unter die Nase schob.

Von da an ging alles ganz schnell. Drei Monate nachdem ich den Vertrag mit meinem Agenten abgeschlossen hatte, unterschrieb ich zwei Verträge mit dem Verlag cbj und begann für sie Nijura zu schreiben. Obwohl ich die Geschichte in euphorischen drei Monaten heruntertippte, dauerte es noch einmal fast zwei Jahre bis zum Erscheinungstermin des Romans und bis ich tatsächlich das gebundene, grüne Buch in der Hand hielt, von dem ich so lange geträumt hatte.

Aber jetzt sind Jahre nur noch Worte. Was von der langen Zeit übrig geblieben ist, sind Momentaufnahmen. Kleine Filme. Ein Augenblick, in dem mein Agent die Treppe der Bertelsmann-Empfangshalle herunterkommt, ein kleines Lächeln auf dem Gesicht, und sagt: "Sie wollen dich verlegen." Und ein Mädchen in einem roten Mantel, das auf der Stelle zu hüpfen beginnt.

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